Zum Nachdenken...
Dienstag, 13. November 2018 - 00:28 Uhr

Zum Nachdenken...

Zum Nachdenken...

Das Pferd ist evolutionär betrachtet in erster Linie ein Herden- und Fluchttier, welches auch in seiner Rolle als domestiziertes Haus- und Arbeitstier den Großteil seiner ursprünglichen Instinkte bewahrt hat.

Diese Instinkte sind der Erziehung und "Zähmung" durch den Menschen übergeordnet - und häufig ein Grund, weshalb wir von den Pferden, ihrem Stolz und ihrer Unabhängigkeit fasziniert sind...

Für die Arbeit mit dem Pferd und seinem Einsatz am Menschen bedeutet dies, dass viele typische, ursprüngliche Eigenschaften des Pferdes der therapeutischen Arbeit zu Gute kommen - insbesondere durch das Zusammensein mit dem Pferd.

Dazu zählen die Authentizität des Pferdes, sein nicht wertendes Gegenübertreten - unabhängig von Krankheit, Behinderung, Status usw., seine Neugier, aber vor allem die direkte und echte Rückmeldung auf gezeigtes Verhalten und die Sensibilität für Stimmungen und Gemütslagen seines Gegenübers.

Das alles sind sehr wertvolle Fähigkeiten, mit denen das Pferd mich in meiner Rolle als heilpädagogische Begleiterin/Reittherapeutin unterstützt und mir Hinweise auf das tatsächliche Empfinden, die wahre innere Haltung des Klienten liefert und so unterdrückte oder verleugnete Wahrheiten aufdeckt, mit denen dann wiederum wertfrei gearbeitet werden kann.

Die Pferde wurden für die Arbeit mit und am Menschen behutsam und geduldig vorbereitet und ausgebildet, indem sie an vielerlei Situationen herangeführt wurden und diese kennenlernen konnten, aber auch als Geschöpfe mit Bedürfnissen und Stimmungen jederzeit wertschätzend behandelt werden.

Ich habe die Pferde mit bestem Wissen und Gewissen für die therapeutische Arbeit ausgewählt und versichere, dass es sich um besonders ruhige und routinierte Tiere handelt. Dennoch möchte ich zu bedenken geben, dass es trotz aller Ausbildung und Training immer noch Tiere sind, welche in ungewohnten oder angstmachenden Situationen auch als solche agieren können. Jedem, der mit Tieren gleich welcher Art umgeht, wird dies bewusst sein...

Zur Vermeidung solcher Situationen und um den Pferden die Freude am Umgang mit dem Menschen zu erhalten, legen wir sehr großen Wert darauf, die Klienten - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - mit den Grundregeln für ein harmonisches und wertschätzendes Miteinander vertraut zu machen.

Dies geschieht zunächst durch das Schaffen eines Bewusstseins, welches das Pferd als aktives Gegenüber mit eigenen Bedürfnissen und Empfindungen wahrnimmt und respektiert. Wege dazu sind beispielsweise das Beobachten des Pferdes und dessen Körpersprache.

Mit diesem Bewusstsein üben wir gemeinsam neben den individuellen Zielen "pferdefreundliches" Verhalten ein.

Dazu zählt unter anderem das Vermeiden von hektischen Bewegungen, unnötigem Lärm, Schreien, ständigem Anfassen usw. Ein Grundsatz dabei ist, dass der Klient durch Beobachten der Pferdereaktionen auf sein Verhalten aufmerksam gemacht wird und sich nicht an willkürlich aufgestellte und oft schwer nachvollziehbare, abstrakte Regeln halten muss.

Das Lob und somit die Bestätigung für "pferdefreundliches" Verhalten ist die Aufmerksamkeit, Zuwendung und das Vertrauen von Seiten des Pferdes.

Diese Grundhaltung ist uns sehr wichtig und wir möchten deutlich darauf hinweisen, dass sich dies auch in unserer Arbeit widerspiegelt, die in erster Linie durch den Umgang mit und die Beziehung zu dem Pferd - denn dies ist die direkteste Ebene - geprägt wird.

Reiten bzw. Sitzen auf dem Pferd ist EINE Methode von vielen - wer demnach Ponyreiten erwartet wird enttäuscht werden.

Die Beziehung entsteht zunächst im direkten Miteinander, bei dem das Kind während des gemeinsamen Bürstens, Fütterns usw. Vertrauen fassen kann und ein Gefühl für das Pferd als Individuum entwickelt - denn kein Pferd ist mit dem Sattel auf dem Rücken geboren und wartet nur darauf, geritten zu werden.

Durch die wachsende Beziehung wird das Pferd immer weniger als "Mittel zum Zweck", als Sportgegenstand sondern um seiner selbst Willen geachtet und geschätzt.

Das gemeinsame Erleben von "Abenteuern" als Resultat des gegenseitigen Vertrauens stärkt dann letztlich das Zusammengehörigkeitsgefühl und bildet die Basis für einen wertschätzenden Umgang!

"Lerne mit einem Tier so zu kommunizieren, wie du es mit deinem Bruder tust. Beobachte es, sieh zu wie es lebt, versuche, hinter seine Träume zu kommen.Stimme dich ruhigen Geistes auf das Tier ein und achte auf all seine Emotionen. Dann wird seine Seele sanft auf dich zugleiten. Es wird dir seine Liebe, aber auch seine Kraft schenken."

Indianisches Sprichwort